Künstler 2014

1. Juni 2014

Es waren schwere Entscheidungen. Nahezu 70 Einreichungen gingen bis zum 15. April bei uns ein und viele haben uns mit Ihren Utopien erstaunt und begeistert.
Die Jury der LYC hat aus den tollen Werken eine vielfältige Ausstellung zusammengestellt, die ein breites Spektrum an künstlerischen Ausdrucksformen präsentiert – von Malerei, Fotografie und Installationsansichten bis zu digitalen Collagen ist Überraschendes und Neuartiges zu entdecken, da alle Künstler die Andersartigkeit der Präsentationsform zu nutzen wussten.
Seid also gespannt auf die großformatigen Banner im Clara-Zetkin-Park mit Werken von:

 

Down The Rabbit Hole (In The Park)!

 

Sebastian Gögel
Lee D. Böhm
Gabriel Dubois
Georg Kleefass
Ani Maisuradze
Steffen Orlowski
TASSO
Thomas Geyer
Marlet Heckhoff
Heiko Mattausch
Andreas Feist
Jan Pötter
Robert Genschorek
Vincenz Franke
Marcel Schäfer
Sophie Stephan
Roland Gräfe
Susanne Renner
Philipp Orlowski
Marko Mädge


 

SEBASTIAN GÖGEL (Leipzig, Deutschland)
Connection, 2014

 

Nein, es sind nicht die 20er Jahre, auch wenn man an George Großz denken mag. Und es geht auch nicht um Geld allein. Die Connection ist heute eine ebenso wichtige Währung. Wer Connections hat, kann alles erreichen, den anderen bleiben Vorteile verwehrt.

Aber Sebastian Gögel prangert dies nicht an, seine Figuren mögen den überzeichneten Charakteren eines Brecht-Stücks ähneln, die Fratzen bis zur Karikatur verzerrt sein, ein didaktischer Künstler ist Gögel nicht. Dazu macht ihm die Kunst viel zu viel Spaß. Auf anderen Bildern begegnet uns in vergleichbarer Manier das Porträt der einjährigen Tochter des Künstlers, es kann nicht reines Demaskieren sein.

Die Gegenwelt, die er uns aufzeigt ist eine Fleischerhakenrealität, in der der Haifisch die Zähne im Gesicht trägt, was manchmal von Vorteil ist. Aber so ist es leider nicht, klare Gut-und-Böse-Konflikte gibt es selten. Wer heute in Verbindungen tritt, trifft die Hintermänner nicht. Die Verknüpfungen sind digital und abstrakt, das Handeln der Banken und die Entwicklung der Finanzmärkte wirken sich auf das politische Leben aus und die Angst, die Verbindung zu verlieren ist allgegenwärtig.

Connection | 130 x 180 cm | Öl auf Leinwand | 2014 | Preis auf Anfrage

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LEE D. BÖHM (Leipzig, Deutschland)
Fluchtversuch 3, 2014

 

Was Lee D. Böhm inszeniert, hat viel von einem Märchen. Einem Gleichnis, das Erinnerung und Alltag mit seelischen Verschüttungen konfrontiert. Etwas Unheimliches ist in diesen Bildern. Es lauert still unter Kinderbetten, wabert über Horizonte von Sommerlandschaften, taucht fast unerkannt in stillen Ozeanen umher. Es verhält sich ein bisschen wie Murakamis Little People – irgendjemand spinnt da Fäden aus einer anderen Welt zusammen, die hier und dort in unsere Träume kriechen. Denn das ist es, was Böhm malt: Träume. Und traumdeuterisch müssen wir den Bildern begegnen, die von der Künstlerin mit Versatzstücken aus Kindheit, brandenburgischer Provinzheimat, Fabelgestalten und ganz viel Leipziger Schule ausgestattet werden. Traditionalismen generieren sich dabei auf den ersten Blick: Mattheuersche Weitblicke, Rauchsche Unruheflächen und schließlich die intimen Figurenkompositionen ihres Lehrers an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Ulrich Hachulla.

“Fluchtversuch 3″ zeigt die eskapistische Seite der Kunst und der Utopie, welche immer auch legitime Motivation für Kreativität ist. Böhms Werk kommt hierbei ohne erkennbares Ziel, aber nicht ohne Vision aus. Die Reisenden auf dem selbstgezimmerten “Schiff” steuern ihrer neuen Welt entgegen – bereit, Risiken einzugehen und Belastungen auf sich zu nehmen – aber im Wortsinne hoffnungsvoll.
Neben den international bekannten Vertretern der Neuen Leipziger Schule lassen sich bei Lee D. Böhms Arbeiten auch Verweise auf Balthus und Magritte finden. Ein Diplom mit Auszeichnung, ein Graduiertenstipendium des Landes Sachsen, preisgekrönte Bücher und mehrfache Auszeichnungen des Musikprojektes «Westwerk» zeigen die Umtriebigkeit und Relevanz der Künstlerin in der hiesigen Kulturlandschaft.

Fluchtversuch 3 | 120 x 110 cm | Öl und Eitempera auf Leinwand | 2014 | Preis auf Anfrage

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GABRIEL DUBOIS (Vancouver, Kanada)
Fast Track Willy, 2014

 

Das Gemälde “Fast Track Willie” des Kanadiers Gabriel Dubois lässt vielschichtige Ahnungen wach werden. Formal angelehnt an Bauhaus und De Stijl erfahren wir zugleich einen rüden Humor und elegante Anarchie. Im Zentrum des Bildes und im Titel bezeichnet, ein Rennfahrer, der in seinem Boliden mit Höchstgeschwindigkeit dem erträumten Sieg entgegen rast. An der Strecke lauert immer auch der Tod. Über ihm, wenn man es als Symbol liest, das allsehende Auge. Rechts daneben erahnt man ein Tor in die Gegenwelt – die Pforte ins Himmelreich?

Im Weiteren bleibt das Bild abstrakt – klare Farbflächen, die kaum an Malerei erinnern auf der naturbelassenen Holzoberfläche. Man verspürt einen gewissen Witz und Leichtigkeit, hier nimmt jemand sich und die Kunst nicht zu ernst und geht doch weit über dekorative Malerei hinaus. Dem Rennfahrer und dem Maler möchte man hinsichtlich der utopischen Ziele gleichermaßen zurufen: “Weniger nachdenken, weitermachen!”
Gabriel Dubois lebt und arbeitet in Vancouver und Leipzig.

Fast Track Willy | Mixed Media on Wood | 2014 | Preis auf Anfrage

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GEORG KLEEFASS (Leipzig, Deutschland)
Die Wüste, 2012

 

Der aus Budapest stammende Künstler Georg Kleefass studierte bei Arno Rink an der Hochschule für Grafik und Buchkunst und ist seitdem hauptsächlich in Leipzig künstlerisch tätig. Die oft zitierte Leipziger Schule ist zu erkennen, deren abgeklärte Sachlichkeit ist die Sprache mit der Kleefass erzählt.

Den distanzierten und kühlen Arbeiten wohnt ein stets dunkles Geheimnis inne, das den Betrachter fesselt und zugleich befremdet. Nach eigenen Aussagen beschäftigt sich der Künstler differenziert mit verschieden Formen von Gewalt, auch in ihren Auswirkungen oder ihrer Repräsentation in Kleidung, Gesten und (Innen-)Architektur oder in diesem Fall militärischen Uniformen.

Seine Arbeiten sind nicht eindeutig Glorifizierung oder gefeierter Fetisch und eben auch nicht eindeutig Kritik der dargestellten Gewalt. Damit geht er einen Schritt weiter als z.B. Balthus, der das Gezeigte zwar auch zwiespältig behandelt, bei dem aber durch seine Ambitionen eine Distanz fehlt, die Kleefass wahren kann. Bei der Arbeit „Die Wüste“, handelt es sich um eine Gegenüberstellung der Porträts eines indischen Soldaten und einer pakistanischen Soldatin. Die Gewalt findet in diesem Fall nicht im Werk selbst statt, sondern auf einer Metaebene, die weit außerhalb des Bildes zu liegen scheint und den Betrachter dazu zwingt, entweder zu wissen oder sich zu informieren, um die Arbeit zu verstehen. Dass die beiden Porträts in den Uniformen Menschen zeigen, mit individuellem Ausdruck, hebt die Arbeit von rein politischer Kunst ab und lässt sie sowohl ästhetisch wie auch psychologisch funktionieren.

Die Wüste | 60 x 100 cm (Dyptichon) | Öl auf Leinwand | 2012 | Preis auf Anfrage

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ANI MAISURADZE (Leipzig, Deutschland)
Ohne Titel, 2013

 

Die grafische Arbeit von Ani Maisuradze verschließt sich einerseits – dem Thema gegenüber und gesteigert in einer abstrakten, difizilen Inhaltlichkeit. Andererseits öffnet sie uns im Kontext des Ausstellungstitels “Down The Rabbit Hole!” eine wenig definierte und dadurch weitgehend allgemeingültige, fast mathematische Welt.

Die Beschränkung auf Schwarz und Weiß, der Kontrast von hell und dunkel, liest sich als Licht und Schatten. Das “leere” Weiß als Öffnung und Raum, teilt sich geradezu gleichwertig das Format mit einem sperrigen, aber durchlässigem Schwarz, das wie ein Netz aus 1000 Nadeln von oben in die Bildmitte dringt. In dieser universell wirkenden, dialektischen Bewegung scheint die Utopie in einem Vertrauen auf die Ausgewogenheit der Kräfte zu liegen. Materie und Antimaterie, positive und negative Energien, die sich im Gleichgewicht halten, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite zu dominieren als strukturelles Muster.

Ohne Titel | 120 x 150 cm | Pittkreide auf Papier | 2013 | Preis auf Anfrage

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STEFFEN ORLOWSKI (Gräfenthal bei Lauscha, Deutschland)
To Come Into Being, 2011

 

Die Pforte durch Steffen Orlowskis Arbeit führt den Betrachter in eine mystische Traumwelt, die sowohl C.G. Jung als auch Federico Fellini hätte gefallen müssen. Schatten und Nebel, nordische Landschaft und seltsame große Blasen bieten eine surreale Szenerie.

Der gebürtige Lauschaer Künstler schuf diese Installation während seines mehrjährigen Studienaufenthalts in Schottland, indem er große, mundgeblasene Ofenglas-Blasen auf einem weitläufigen Stück des innerstädtischen Meadows in Edinburgh auslegte.
Der multiproffessionelle Künstler geht bei den dabei entstandenen Fotos weit über die reine Dokumentation hinaus. Er wählt die frühen Stunden des “morning mist” um die ausgelegten Kugeln in vermeintlicher schottischer Hochlandwiese zu inszenieren.

Der Titel “To Come Into Being” deutet die Arbeit philosophisch. Den In unterschiedlichen Medien arbeitenden Künstler als Bildhauer zu bezeichnen würde ihn zwar in seiner Haltung beschreiben, greift aber zu kurz. Er bezeichnet sich selbst als “Bildschmelzer, das Fließende, Sensible betonend”, denn viel arbeitet er mit dem Medium Glas, vor allem auch Ofenglas. Den Umgang mit diesem Medium im Künstlerischen lehrt er u.a. an der Akademie der Bildenden Künste München.

To Come Into Being | variable size | Fotografie | 2011 | Preis auf Anfrage

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TASSO (Meerane, Deutschland)
Mumbai Morning, 2012

 

Im Gegenlicht verheißen tropische Pflanzenfragmente, dass wir uns in der unbestimmten Ferne befinden. Der Bildtitel verortet die Szenerie, bricht aber mit unseren Vorstellungen.
Der nach oben gerichtete Blick und die angedeutete morgendliche Stunde poetisieren das Gezeigte nochmals.

Mit schnellem und sicherem Duktus, des in der Street-Art geschulten Künstlers, wird dem Betrachter eine flüchtige Stimmung eines Momentes vermittelt, der nicht unbedingt auf Reisen entstehen muss. Manchmal ist es ein Blick im Alltag, der Assoziationen in uns weckt, die uns aufzeigen, dass die Welt größer ist, als unsere tägliche Erfahrungswelt.

Zumeist ist es gerade der flüchtige Blick oder ein uns verstellter, der uns diese poetischen Momente ermöglicht. Demzufolge ist es eine Fähigkeit des Bildes, gerade den Eindruck eines Blickes mit halbgeschlossenem Auge ins Gegenlicht zu suggerieren, der etwas, aber eben nicht zu viel verrät, um für Assoziationen und utopische Gegenwelten Platz zu schaffen.

Mumbai Morning | 140 x 200 cm |  Lack & Acryl auf Leinwand | 2012 | Preis auf Anfrage

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THOMAS GEYER (Leipzig, Deutschland)
Auf Streifzug, 2014

 

Oft ist es ein Geheimnis, das wir hinter den Bildern wittern, welches bestimmte Sehnsüchte weckt. André Breton nannte es ein „wohliges Schauern“, das Bilder wie dieses in uns auslösen.
Und auch Ernst Bloch beschrieb Effekte, die ihm vor allem aus der Kindheit in Erinnerung geblieben waren, als ein bestimmtes Bild im Gedächtnis hängenblieb und dort wie eingebrannt beständig Rätsel aufgibt.
Sigmund Freud beschreibt in seinem Essay „Das Unheimliche“ die Nähe eben dessen zum Heimlichen, was sich auch vom Begriff des Heims ableitet. Das Unbekannte im Bekannten verstört und gefällt uns zugleich.

Die nächtliche Szenerie in Thomas Geyers Malerei schöpft die Unheimlichkeit aus dem blassen Mondlicht und dem Schein der Fenster im Halbdunkel. Der sich nähernde Fuchs, reales Tier und Fabelwesen in einem, ist uns als einziger Akteur des Bildes einerseits Identifikationsfigur, andererseits ist er als Vertreter der Natur, die das dem Menschen Schutz bietende Haus einschließt eine Bedrohung der Heimlichkeit.

Auf Streifzug | 120 x 140 cm | Ei-Tempera auf Leinwand | 2014 | Preis auf Anfrage

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MARLET HECKHOFF (Leipzig, Deutschland)
Zitronenfalter, 2014

 

Alice fällt und fällt und fällt… Im schwerelosen Raum des Kaninchentunnels begegnen ihr die ersten Merkwürdigkeiten: Teetassen, ein Bücherregal, aber was ist das? Ein technokratisches Gebilde im abstrakten Raum? Ein Zitronenfalter?

In dieser Gegenwelt ist nichts greifbar. Gegenstände sehen nicht aus wie sie selbst, lösen sich in perspektivische Linien auf. Zeit und Raum sind Dimensionen der anderen Realität. Malerei versucht seit jeher auch das Undarstellbare in Bilder zu fassen. Der Künstler akzeptiert keine Grenzen, außer den eigenen, manchmal nicht einmal die. Vor allem die abstrakten Maler, Konstruktivisten, Suprematisten und Futuristen, alle suchten und suchen nach eigener, unbeeinflusster Formsprache, um Allgemeines und Universelles darzustellen. Die Frage, ob wir das Nichts, das Alles, Gott oder utopische zeit- und raumlose Entitäten zu Gesicht bekommen, erübrigt sich und steht doch unangefochten im Raum.

Marlet Heckhoffs Gebilde geben durch die Ausrichtung am perspektivischen Raster eine starke Räumlichkeit vor, versperren diese jedoch ständig und führen mit durchlässigen oder transparenten Flächen den Blick durch ein flexibles Labyrinth.

Zitronenfalter | 80 x 100 cm | Öl auf Leinwand | 2014 | Preis auf Anfrage

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HEIKO MATTAUSCH (Leipzig, Deutschland)
Rückkehrer, 2010

 

Dieses „Volk“, wie es der Künstler selbst nennt, kommt zerschunden und verschlissen nach langer Reise heim. Wir wissen nicht, ob es zurück- in ein „gelobtes Land“ oder aus eben diesem ernüchtert wiederkehrt.
Ersteres würde ein Erreichen des utopischen Vorhabens bedeuten und damit ein positives Bild zeichnen. Wie Odysseus, der nach längerer Reise sein Ithaka wieder zu Gesicht bekommt, wären die Rückkehrer auf dem Gemälde nach beschwerlicher Reise den heimatlichen Gefilden nahe.
Metaphorisch gesprochen am Ziel der Lebensreise, an deren Ursprung; im Sinne einer metaphysischen Reise zurück am Anfang der auch das Ende bedeutet.

Liest man das Bild als enttäuschte Heimkehr, den Auszug ins utopische Paradies als gescheitert, wird die Aussage wesentlich pessimistischer. Eine Vision führte das „Volk“ einst in die Ferne, geschlagen und verbittert kehren die erfolglosen wieder. Durch den Titel bleibt diese Entscheidung beim Betrachter, die Aussage angenehm ambivalent.
Heiko Mattausch lebt und arbeitet in Leipzig.

Rückkehrer | 80 x 100 cm | Öl auf Leinwand | 2010 | N/A

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ANDREAS FEIST (München, Deutschland)
Aurora, 2008

 

Die Arbeit „Aurora“ des Münchner Künstlers Andreas Feist entstand in Zusammenarbeit mit dem Sealife München. Für seine Arbeit hat der Künstler im großen Haibecken mit Tauchausrüstung spezielle druckbeständige Unterwasserlampen installiert, unter Aufsicht und professioneller Hilfe des Aquaristik-Experten und Forschungstauchers Christoph Haacke. Am oberen Rand des Beckens wurde eine spezielle Folie installiert, per Spiegel die so entstehenden Effekte in den leerstehenden Nebenraum projiziert.

Der Aurora-Effekt entsteht durch die lange Belichtungszeit der Aufnahme von 18 Sekunden, das Foto wurde nicht nachbearbeitet. Letztendlich entsteht der Eindruck eines flachen Raums ohne Fenster, möglicherweise eine Tiefgarage, dem die Decke abgenommen wurde, wodurch eine Öffnung zum Himmel entsteht. Die Tatsache, dass dieser „Himmel“ nur Projektion ist, lässt an Platons Höhlengleichnis denken. Im Zusammenhang mit dem Thema der diesjährigen Ausstellung, kann die Öffnung des Raumes nach oben, eine Öffnung unserer Wahrnehmungswelt bedeuten. Die Grenzen unserer Erfahrung lassen sich nicht nur wissenschaftlich empirisch immer weiter verschieben. Gerade die Kunst schafft es immer wieder dem Gegebenen Neues hinzuzufügen und kann uns das utopische Gefühl wiedergeben die Welt sei endlos und unergründlich.

Aurora | Lichtinstallation, Sealife München | 2008 | Anfrage

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JAN PÖTTER (Nordhorn & Berlin, Deutschland)
Die Beute, 2014

 

Bei Jan Pötter kippt die Stimmung. Der geheimnisvolle Garten, der wundervolle Garten wie ihn Alice vorfindet, ist es nicht, was wir entdecken. Eher die düstere Version davon, wie sie sich Hieronymus Bosch oder Tim Burton ausgemalt hätten. Eine dunkle, von floralen Strukturen umrahmte Welt bietet sich uns – eine Höhle, in der Dämonen und Ungeheuer den heiligen Antonius suchen.

Die Schreckensversion der Utopie, der Leviathan, die Höllen der Gläubigen und Nicht-Gläubigen, ist niemals fern, wenn wir uns hinaus wagen auf utopische Reisen. Stets kann das erträumte Paradies, der erhoffte Frieden, sich in ein noch grausameres Bild verwandeln, als das bisher Dagewesene. Dann frisst die Revolution ihre Kinder und vom Hades trennt uns nur noch der Styx.

Jan Pötter studierte Malerei an der Kunstakademie in Enschede. In Malerei und Zeichnung untersucht er das Abseitige und Dunkle. Dabei ist er düster und farbenfroh zugleich, stets auf der Schwelle zwischen dunkler Romantik und naiver Malerei.

Die Beute (Carnival/There´s a Party in the Woods #2)| 190 x 140 cm | Öl auf Leinwand | 2014 | Preis auf Anfrage

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ROBERT GENSCHOREK (Chemnitz, Deutschland)
Dankesbild an die Familie Neugebauer, 2014

 

Eine verlassene Hütte im Wald, Rückzugsort des Eremiten? Möglicherweise. Im Gegensatz zur Hütte im Wald in David Lynchs Twin Peaks, gruseln wir uns aber hier nur ein kleines bisschen. Das Licht, das durch die Bäume fällt, ist uns wohlgesonnen.

Robert Genschoreks traditionell anmutendes Landschaftsgemälde ist aber keineswegs idyllische Romantisierung. Die uns fremd gewordene Natur ist und bleibt die Gegenwelt zur industrialisierten und technisierten Gesellschaft, vor allem der Städte. Dennoch, sie ist verlassen: Landflucht und Konzentration in den Metropolen sind Phänomene, die nicht erst aktuell relevant werden.
Gleichzeitig zieht es die der Geschwindigkeit und medialer Überflutung Müden, ins Ländliche. Die verlassene Hütte, die sich die Natur schon teilweise zurück erobert, birgt auch ein Geheimnis.

Im Horrorfilm kehrt der Besitzer zurück, weil er doch noch darin haust und erschrickt seine Opfer ein bisschen, bevor er sie ersticht. Trotzdem möchte man sich hinein wagen, um sich umzuschauen und die hinterlassenen Gegenstände und Möbel zu untersuchen. Möglicherweise kann man Hinweise finden, wer die Behausung einst bewohnte.

Dankesbild an die Familie Neugebauer | 150 x 250 cm | Öl auf Leinwand | 2014 | Preis auf Anfrage

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VINCENZ FRANKE (Leipzign, Deutschland)
Narcotic Negativez – Hypnose électrique, 2014

 

Das gezeigte Bild entstammt der Fotoserie “narcotic negativez“. Sie ist eine experimentale Reihe bei der Vincenz Franke Fotofilme in diverse Substanzen eingelegt, die mit der Filmemulsion unterschiedlich chemisch reagieren. Dadurch entstehen verschiedenste Effekte. Die Arbeit “hypnose électrique” wurde zum Beispiel in Cola und Zitrone eingelegt.

Zu sehen ist eine Stadtrandsiedlung über ein Feld hinweg fotografiert und einige dominierende Stromtrassen. Ein durch die Mehrfachbelichtungen erscheinender zweiter Horizont wird durch einen niedrigen Waldrand verdeckt. Die Farbtöne, durch die chemische Beeinflussung und deutliche Verletzungen und Verschmutzungen des Materials gekennzeichnet, geben dem Bild den Charakter eines alten, verschlissenen Fotos, was wir durch den Einsatz als rhetorisches Mittel, z.B. im Film, als verklärte Erinnerung rezipieren.

Die nüchterne Landschaft wird durch die so entstehende Nähe zur Nostalgie und zum Kitsch überdramatisiert und man sucht im Gezeigten die Berechtigung dieser pathetischen Überzeichnung. Dass die Utopie eines Kunstwerks auch größtenteils durch die Form evoziert werden kann, zeigt dieses Bild auf beeindruckende Weise.

Narcotic Negativez – Hypnose électrique | Fotocollage | 2014 | Anfrage

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MARCEL SCHÄFER (Leipzig, Deutschland)
Einweg-Utopia, 2014

 

Marcel Schäfer arbeitet seit über einem Jahrzehnt an der Schnittstelle von Kunst, Installation, Design und Modellbau.
Die futuristische Modellstadt, nur aus einer einzigen Rolle Wellpappe verarbeitet, trägt den passenden Titel „Einweg-Utopia“. Sie ist angesiedelt auf einer Scheibe, die laut Aussage des Künstlers für das Weltbild des Mittelalters / 6. Jahrhundert steht: die Welt als Scheibe. Grundlage für die Anordnung der Stadt ist ein ausdifferenziertes Konzept des Künstlers, das den einzelnen Gebäuden Funktion und Symbolik zuordnet.

Durch das seit seiner Kindheit bestehende Interesse an Science- Fiction, futuristischen Städten, Architektur und Naturwissenschaft, fühlte sich Schäfer bei der Ausschreibung zum diesjährigen ArtWalk mehr als eingeladen. Zukunftsutopien des frühen 20ten Jahrhunderts kommen dem Betrachter in Erinnerung, man denke an Fritz Langs Metropolis – einer Zeit, als Fortschritts- und Technikglaube eine breite Masse erfasste. Einen neuen Höhepunkt hatte diese Entwicklung um 1950 und auch hier sahen die Städte und Kulissen, v.a. der Zukunfts-Filme ähnlich aus.
Die Rückkehr zur Zukunftsutopie vergangener Epochen, die sich auch in dem Begriff Retro-Futurismus wiederspiegelt, trägt eine ganz spezielle Ambivalenz in sich, da sie das Scheitern bzw. Nicht-wahr-werden der Utopie bereits impliziert.

Einweg-Utopia | 120 x 120 x 35 cm | Skulptur (Pappe, Acryl, Holz, beleuchtet) | 2014 | Preis auf Anfrage

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SOPHIE STEPHAN (Leipzig, Deutschland)
Liegende, 2014

 

Ein Einblick in den privaten Bereich eines der, wie Peter Sloterdijk in seinem aktuellen Buch sagt „schrecklichen Kinder der Neuzeit“ (Suhrkamp, 2014). Die vermeintlich prekäre Lebenssituation, eine junge Frau liegt geistesabwesend in der unaufgeräumten Wohnung und ein allgegenwärtiges Massenmedium liefert betäubendes Rauschen.

Im Zuge des Ausstellungsthemas fragt man sich, ist der Fernseher, stellvertretend für die Medien, der Eintritt der heutigen Gesellschaft und ihrer arbeits- und perspektivlosen Jugend in Utopie, oder verhindert das mediale und kommerzielle Konsumieren vielmehr den Aufschrei, den das Fehlen von greifbarer Utopie und Zukunft auslösen sollte?

Wichtig ist uns, dass mit dieser Arbeit der in Leipzig arbeitenden HGB-Absolventin, eine direkt gesellschaftskritische Position gezeigt werden kann. Denn die Gegenwelten der Künstler sind nie ausschließlich eskapistisch. Ein Gegenentwurf unserer Realität, mag er noch so abstrakt sein, ist immer auch ein Hinterfragen der Gegebenheiten. Sophie Stephan zeigt eine ernüchternde Bilanz eines sinnentleerten Daseins, das in der postkapitalistischen Gesellschaft akzeptiertes Massenphänomen geworden ist.

Liegende | variable size | Fotografie | 2014 | Preis auf Anfrage

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ROLAND GRÄFE (Radebeul, Deutschland)
Susanne, 2014

 

Ganz im Sinne Leonard Cohens ist die Utopie hier personifiziert in einer Frau: „Susanne nimmt dich mit, an den Fluß, dort, wo sie wohnt. Du kannst die Schiffe fahren hören, du kannst die Nacht an ihrer Seite sein. Und du weißt, sie ist halb verrückt, aber deshalb willst du bleiben. Und sie gibt dir Orangen und Tee, der den ganzen Weg aus China kommt, und du willst ihr endlich sagen: Nein, ich hab dir nichts zu geben. Und du gehst mit ihr auf Reisen, die man blinden Auges reist. „ singt er im gleichnamigen Titel, nur das seine Muse „Suzanne“ heißt.

Roland Gräfe arbeitet bewusst mit einem (vor-)modernen Selbstverständnis des Künstlers, sucht die Erkenntnis in der Auseinandersetzung mit Landschaft oder Modell. Dabei geht es ihm nicht darum, das Rad neu zu erfinden. Seine Utopie liegt nicht nur in seinen Musen, auch im Leben des Künstlerdaseins, wie wir es uns immer vorstellen, weil wir es so bei arte sehen: Reisen, romantische Landschaft, Wein und schöne Frauen.

Susanne | 50 x 70 cm | Öl auf Leinwand | 2014 | Preis auf Anfrage

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SUSANNE RENNER (Leipzig, Deutschland)
Rabbithole, 2014

 

Susanne Renner nahm den Ausschreibungstitel wörtlich und zeigt mit “Rabbithole” eine reduzierte, mit grafischen Grauabstufungen arbeitenden Malerei. Das Kaninchenloch, der Punkt, an dem Alice aus Lewis Carroll Kinderbuchklassiker, die eine Welt verlässt, um der anderen, wunderbaren zu begegnen.

Die Künstlerin zeigt dem Betrachter nicht, was hinter dem Kaninchenloch zu entdecken ist. Das Wunderbare, und das wissen die Künstler seit jeher, darf man nicht konkret zeigen. Alles was uns verborgen bleibt, entfaltet in unserer Vorstellung ein Bild, das kein Maler je schaffen kann. Das Gras auf der anderen Seite des Gartens, die dunkle Seite des Mondes, der unentdeckte Kontinent – alles was wir nie sehen werden, behält sein Geheimnis und bleibt ein ungeheures Versprechen.

Wir können unverzagt sein, dass unsere Realität selbst in unserem hochtechnologisiertem Zeitalter längst nicht alles erforscht und wissenschaftlich erklärbar ist. Und selbst dann, gibt es immer noch die Unerschöpflichkeit der menschlichen Kreativität, nicht zuletzt repräsentiert durch die im ständigen Wandel befindliche Erfindungsgabe der Künstler. Wir brauchen uns also vor dem Versiegen der Quelle der Utopien nicht zu fürchten.

Rabbithole | 2014 | Preis auf Anfrage

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PHILIPP ORLOWSKI (Leipzig, Deutschland)
Rio / Brazil, 2014

 

Im Gegensatz zu unserer Erfahrungswelt, in der die Dinge nacheinander passieren und im gleichen räumlichen Kontext, ist in der Malerei ein gleichzeitiges Nebeneinanderstattfinden der unterschiedlichsten Entitäten möglich.
Der Leipziger Künstler Philipp Orlowski reiht Motive wie Symbole aneinander, selten im eineindeutigen Zusammenhang, wodurch sich mehrere Bilder ineinander verstecken.

Die Arbeit „Rio/Brazil“ zeigt den Blick auf eine unmögliche Hügellandschaft, uns dunkel anblickende New Yorker Hochhäuser, ein kühles Modell vor einer roten Mauer und schließlich die Tür, die Alice in den paradiesischen Gärten führt. Jedes Motiv für sich hinterfragt die Utopie, die hier immer hinter dem nächsten Hügel liegt, aber auch die Aneinanderreihung der oft gegensätzlichen Motive, die Orlowski in seiner gesamten Arbeitsweise verfolgt, fragt immer gezielt danach, wo wir unsere Gegenwelten suchen und wie Kunst uns neue Versprechen machen kann, ohne sie einlösen zu müssen.

Rio / Brazil | Collage | 2014 | Preis auf Anfrage

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MARKO MÄDGE (Leipzig, Deutschland)
Happy I, 2014

 

Die abstrakte Arbeit Marko Mädges erinnert an den malerischen Konstruktivismus eines Josef Albers oder Mark Rothko. Man mag auch an Jules Olitski und Morris Louis denken. Bei näherem Hinsehen entdecken wir allerdings, dass es sich gar nicht um Malerei, sondern um Fotografie handelt. Die vorerst mit Acrylfarbe auf Leinwand gemalten Arbeiten werden mit 200mm Teleobjektiv unscharf fotografiert, eine Nachbearbeitung findet nicht statt. Die so entstandenen, dem abstrakten Expressionismus nahe stehenden Arbeiten, sind ineinander verlaufende Quer- oder Längsstreifen, Farbfeldmalerei mit der Kamera. Weiche Übergänge fordern den Betrachter in mehrfacher Hinsicht zum genaueren Hinsehen auf. Fotografie? Malerei? In der Horizontalen möglicherweise Landschaft, Mikro- oder Makrokosmos?

Die Arbeiten sind universal und zeitlos, spielen mit der psychologischen Wirkung der Farbe, die in ihrer Sattheit energetisch, in ihrer geometrischen Ausrichtung beruhigend wirkt. Der entstehende nebelhafte Raum entsteht durch die Arbeit mit schwachen und starken Kontrasten, z.B. Komplementärfarben und näher verwandten Tönen. Die Übersetzung der Malerei in Fotografie deutet den gesamten Prozess zur Konzeptkunst um und man assoziiert die abstrakten Filmexperimente z.B. von John Davis oder der Brüder Whitney.

Happy I | 100 x 200 cm | Fotografie | 2014 | Preis auf Anfrage

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Stand: Juni 2014

Inspirationen zum Bild als Eintrittsort:

Kunstwerke begeben sich hinaus aus der empirischen Welt und bringen eine dieser entgegengesetzte eigenen Wesens hervor, so als ob auch diese ein Seiendes wäre. Damit tendieren sie a priori, mögen sie noch so tragisch sich aufführen, zur Affirmation.
(…) Durch ihre unvermeidliche Lossage von der Theologie (…) ohne welche Kunst nie sich entfaltet hätte, verdammt sie sich dazu, dem Seienden und Bestehenden einen Zuspruch zu spenden, der, bar der Hoffnung auf ein Anderes, den Bann dessen verstärkt, wovon die Autonomie der Kunst sich befreien möchte.[1]
Theodor Adorno

 

Die Bilder die wir sehen, erschaffen Bilder im Kopf. Nicht nur im wahrnehmungsphysiologischen Sinne werden die durch das Auge eingefangenen Lichtreize an das Gehirn weitergeleitet, auch das inhaltliche Bild, die Welt, die uns gezeigt wird, entsteht letztlich im Kopf des Betrachters. Es findet also eine kognitive Konstruktionsleistung statt.
Diese ist teilweise durch erlernte Rezeptionsformen, durch kulturelle und historische Umstände beeinflusst und dadurch zum Teil steuerbar. Jeder Betrachter erzeugt ein eigenes Bild, generiert eine eigene Welt, die ihm das Bild putativ zeigt. Es ist eine geläufige Formulierung durch Betrachtung eines Bildes in dessen Bildwelt einzutauchen.
Darin steckt die Behauptung das Bild sei so etwas wie ein Fenster in eine Welt, die sich von der Welt des Betrachters unterscheidet. Diese könnte man als Parallelwelt oder mit dem Begriff der möglichen Welt bezeichnen, wie er in Philosophie und Logik verwendet wird, um die Bedeutung modaler Aussagen zu erklären. Philosophen, die den Begriff der möglichen Welt anwenden, vergleichen die tatsächliche oder aktuale Welt (als das Modell, das die Wirklichkeit beschreibt, in der wir faktisch leben) mit kontrafaktischen Modellen.

Bilder stellen uns einer Welt gegenüber, die im Gegensatz zu unserer Erfahrungswelt symbolisch verschlüsselt ist und nicht linear lesbar, wie z.B. ein Text.Damit sind wir gezwungen, sofern wir uns über die oberflächliche Betrachtung hinaus wagen wollen, die Symbole zu entschlüsseln, zwischen den Elementen des Bildes (zeitliche) Beziehungen herzustellen und die (nach Vilém Flusser) magische Welt, die das Bild erzählt, durch Imagination im Kopf entstehen zu lassen.
Magisch ist diese Welt, weil sich (nach Flusser) in ihr alles wiederholt und (…) alles an einem bedeutungsvollen Kontext teilnimmt.(…) Eine solche Welt unterscheidet sich strukturell von der der historischen Linearität, in welcher sich nichts wiederholt und in der alles Ursachen hat und Folgen haben wird.
Das Bild ermöglicht uns den Blick in diese Wirklichkeit über Abstraktion, es gibt uns einen Ausschnitt und lässt uns durch kognitive Ergänzung des Fehlenden oder Abwesenden eine vollständig erscheinende Realität konstruieren. Übersetzt man die Bilder in lineare Deutungen, stellt sich heraus, dass jeder Betrachter eine andere Realität konstruiert, die Bilder sind konnotativ im Sinne von mehrdeutig. [2]

Der auf Leon Battista Alberti zurückgehende Begriff des finestra aperta bezeichnet die Eigenschaft des Bildes, beim Bildbetrachter letztlich die Illusion eines Raumes zu erzeugen. Ein zweiter, sich von dem Raum unterscheidender, in dem der Bildbetrachter sich befindet. Das Bild als geöffnetes Fenster.[3]



[1] Vgl. Adorno, Ästhetische Theorie, 14. Aufl., Ffm. 1998, S. 10
[2] Vgl. z.B. Flusser, Vilém, Bilder, 1989, Für eine Philosophie der Fotografie / Vilém Flusser. – 4., überarbeitete Aufl. – Göttingen: Europ. Photography
[3] Vgl. Leon Battista Albertis Malereitraktat De pictura